Gotteshäuser bleiben leer, Priester werden händeringend gesucht, Ordensfrauen aus den Ländern des Trikont importiert. Trotz dieser offensichtlichen Zeichen des Niederganges können sich die beiden großen christlichen Konfessionen in Deutschland auch weiterhin einer Massenmitgliedschaft rühmen, die zusammen 60% der Bevölkerung – 49 Millionen Menschen – umfasst. Eine vom Meinungsforschungsinstitut Allensbach im Auftrag der katholischen Kirche durchgeführte und im Jahr 2010 vorgestellte Studie kam jedoch zu dem Ergebnis, dass sich immerhin 6% der deutschen Katholiken selbst als „überhaupt nicht religiös“ bezeichnen.1
Geht man von ähnlichen Verhältnissen bei den Protestanten aus, so wären rund drei Millionen in den Statistiken geführte Kirchenmitglieder tatsächlich Ungläubige. Und dies sind nur diejenigen, welche sich in einer Umfrage offen dazu bekennen.
Warum verbleiben diese Menschen trotz ihrer Irreligiosität weiterhin in den christlichen Institutionen? Im Folgenden sollen einige häufig genannte oder logisch erschließbare Gründe erläutert werden.
Anpassungsdruck in Familien und Partnerschaften
Finanziell von ihren Eltern abhängige Jugendliche, Enkel die ihren Großeltern keine Sorgen machen wollen, Ehepartner die ihre Beziehungen nicht belasten möchten- diese Beispiele illustrieren, wie der aus dem familiären und sozialen Umfeld ausgeübte Druck dazu führt, dass Atheistinnen und Atheisten sich nicht offen zu ihrem Unglauben bekennen und trotz ihrer inneren Widerstände in der Kirche bleiben.
Tradition
Für viele religiös aufgewachsene Menschen sind die mit der Mitgliedschaft in der Kirche einhergehenden Rituale, Feste und Gemeindetätigkeiten von so großer lebensweltlicher Bedeutung, dass sie auch nach einer Wendung zum Atheismus weiterhin an dem äußeren „Gerüst“ ihres ehemaligen Glaubens festhalten. Je liberaler sich die jeweilige Kirche positioniert, desto leichter fällt dieser Spagat den ungläubigen Mitgliedern.
Angst vor beruflichen Konsequenzen
Die großen kirchlichen Sozialträger Caritas und Diakonie beschäftigen in Deutschland über eine Million Menschen hauptamtlich. Diese sind durch entsprechende Klauseln in ihren Arbeitsverträgen daran gebunden, Mitglieder der hinter den Einrichtungen stehenden Kirchen zu sein. Ein Kirchenaustritt oder auch nur sogenannte „Achtungsverletzungen“ können zur fristlosen Kündigung führen. Als abhängig Beschäftigter bei der Caritas oder dem diakonischen Werk bleibt einem als Atheisten also nichts anderes übrig, als seinen Unglauben zu verschweigen und weiterhin Kirchenmitglied zu bleiben, so man denn seinen Arbeitsplatz nicht verlieren möchte.
Begräbnisfrage
„Wo willst Du denn begraben werden, wenn Du aus der Kirche austrittst?“ ist ein in vorwurfsvollem Ton vorgebrachter Satz, den der Verfasser dieses Artikels schon selbst gehört hat, obwohl die Antwort bei kurzer Vernunftanwendung offensichtlich ist. Natürlich werden Atheisten nicht einfach auf der Müllhalde entsorgt, nur weil sie einem evidenzlosen Glauben an die christliche Gottheit entsagt haben. Die traditionellen Begräbnisriten der Kirchen sind im Bewusstsein vieler Menschen immer noch so eng mit dem allgemeinen Begriff „Beerdigung“ verbunden, dass sie als identitär angesehen werden.
1Wagner, W. : „Gläubige distanzieren sich von der Kirche“. Frankfurter Rundschau. 17.6.2010.